News

Spartanische Einrichtung im Filmhaus 1989: Knappe Kassen waren leider die bittere Realität in den ersten Jahren des Vereins Filmhaus im Opitzgebäude.

Die Wände bestanden größtenteils aus Rigips und alle wußten alles über alle. Das Telefon wanderte von einem Raum in den anderen und war ständiges Objekt der Begierde. Mitteilungen, Tagesordnungspunkte und To-Do-Listen wurden mit Kreide auf einer früheren Schultafel festgehalten. Rund um ausrangierte Schultische konnten neu erworbene Freischwinger der billigsten Sorge gruppiert werden und der ausfransende Bodenbelag wurde schon mal mit Klebstreifen gebändigt. Die Fensterfront zur August-Bebel-Straße machte sommers wie winters wetterfühlig und der Straßenlärm erzwang so manche Gesprächspause. Im Kinosaal untermalten wiederholt vorbeifahrende Polizeisirenen beschauliche Filmszenen. Dafür war die Hofseite stiller, wenn nicht gerade jemand im Videoschnitt den Ton im Schnellauf jaulen ließ. Dort im Büro thronte man auf einem ausrangierten fadenscheinigen Chefsessel aus dem Hause Oetker, der manchesmal seine Rollen verlor.
Hier wurden Pläne geschmiedet und Träume realisiert: Aufbruchstimmung… [Fotogalerie…]

Filmhaus-Büro 1989

Filmhaus-Büro 1989

„35mm Moskau“ war der Titel einer Veranstaltungsreihe mit Studierenden und Lehrenden der Moskauer Filmhochschule 1989.

In diesem heissen Sommer gastierten, organisiert von der HdK Kassel, die russischen Filmer mit ihren Filmen im Filmhaus-Kino „Lichtwerk“ und diskutierten mit dem Publikum. Untergebracht war die Gruppe im Gastatelier der Künstlergruppe „Artists Unlimited“. Zu diesem Anlass gestaltete das Filmhaus die Plakatwand des Hauses aufwändig, hängte rote Fahnen an die Fassade und erstellte ein eigenes Plakat, gestaltet von Matthias Arndt.

Die Achternbusch-Retrospektive 1989 im Filmhaus-Kino Lichtwerk umfasste viele Filme Herbert Achternbuschs, ein Theaterstück und fast auch einen Besuch des Malers, Schriftstellers und Filmregisseurs.

Als Theaterstück wurde „Ella“ im Lichtwerk aufgeführt, ein Stück für zwei Personen mit Barbara Kemmler und Pitt Hartmann aus der Theaterszene im „Pumpenhaus“. Einen Besuch zur Retrospektive sagte der unberechenbare Kandidat auf witzige und charmante Art mittels einer Postkarte dem Kurator der Filmreihe, Georg Detlinger, ab.

Achternbusch Retrospektivenbesuch 1989

Absage von Achternbusch für einen Retrospektivenbesuch 1989

Das letzte Loch

Szenenfoto aus „Das letzte Loch“

Kulturausschuss erhöht die Filmhaus-Förderung und stellt das Filmhaus damit auf stabile Beine. Mit einem Beschluss in der Januarsitzung 1989 machte die Stadt Bielefeld den Weg frei für eine weitere Konsolidierung der Arbeit des Vereins Filmhaus.

Der Ansatz für die kommunale Förderung der Filmkultur wurde von 45.000,– DM mehr als verdoppelt auf künftige 113.000,– DM. Mit dieser als Betriebskostenzuschuss definierten Unterstützung ist das Filmhaus nun in der Lage, die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) für Ronald Herzog in einen festen Arbeitsplatz zu verwandeln und damit der Vereinsstruktur eine verlässliche und auf Kontinuität angelegte Basis zu geben.
Hinter den Kulissen hatte der frühere Filmhaus-Vorstand Kurt Johnen zuvor eifrig Überzeugungsarbeit bei den Politikern geleistet und beim Leiter des Kulturamtes, Horst Adam, für Verstimmung gesorgt. Im Filmhaus sorgte die Entscheidung des Kulturausschusses für ausgelassene Stimmung und setzte sofort große Energie für zukünftige Projekte in Gang. Und auch das Verhältnis zum Leiter des Kulturamtes normalisierte sich, nachdem etwas Gras über die Hinterzimmerpolitik gewachsen war.
Mit dieser Entscheidung war nicht nur eine Konsolidierung der Finanzen des Vereins möglich, sondern auch eine Grundlage gegeben, weitere Mittel für andere Projekte einzuwerben. Das zarte Pflänzchen der Filmkultur trieb neue und prächtige Blüten…

Horst Adam im Gespräch mit Barbara Witych 1990

Horst Adam im Gespräch mit Filmhaus-Mitarbeiterin Barbara Witych beim Lichtwerk-Jubiläum 1990

Die „Avantgarde Filmtage“ im Lichtwerk wurden von der Gruppe „Alte Kinder“ um Christiane Heuwinkel, Matthias Müller, Maija-Lene Rettig und Thomas Lauks veranstaltet.

In Ergänzung zu den Filmprogrammen im Januar 1989 gab es eine Podiumsdiskussion mit Karola Gramann, Alf Bold, Wilhelm und Birgit Hein rund um das Thema „Avantgardefilm“. In den Filmprogrammen waren u.a. vertreten Uli Versum, Claus Blume, Ulrike Zimmermann, Bruce Conner, Zoltan Spirandelli, Joseph Cornell, Mara Matuschka und natürlich die „Alten Kinder“ selbst.

Avantgardelfilmtage Januar 1989 Programmübersicht

Die Filmproduktionen im Filmhaus waren 1987 zahlreich und unterschiedlicher Art. Das umfangreichste Projekt dürfte „Plan.Spiel“, das Gemeinschaftsprojekt der Filmgruppe „Alte Kinder“ um Matthias Müller, Maija-Lene Rettig und Christiane Heuwinkel gewesen sein. Der Film wurde auf Super-8 erstellt und war die Realisierung des Bielefelder Filmpreises.

Weitere Film-/Videoproduktionen:
„Transatlantik – Zehn Jahre später“ von Raimond Goebel (Kooperation mit den städt. Bühnen Bielefeld)
„Heinrichten“ Doku zu einem Heinrich Mucken Konzerts von Manfred Jurasek und Klaus-Dieter Michel
„18. November“ Kurzspielfilm von Henning Poltrock
„Egal, is Rockabilly“ Doku von A. Knust, K.D. Michel.
„Impressions of Bad Salzuflen“ Doku von Udo Penner
“Es geschah in dieser Stadt – 500 Jahre Osnabrück“ Doku von Kai Kruse
„Genius Loci“ Doku zur Ausstellung der Künstlergruppe „Artists Unlimited“ in der Sheddachhalle des Historischen Museums von Barbara Witych
„Albatros“ Doku eines Tanzabends in der Stadtbibliothek von R. Goebel und B. Witych
„Gehirn-Jogging“ Realisierung des Bielefelder Filmpreises von Andreas Liebold und Jürgen Rittershaus
„Wege“ Doku zur Bethel-Psychiatrie von M. Kruse und A. von Zander

 

 

Mediale – Mediale Stadtkultur in Bielefeld sichtbar und erlebbar machen. Das war die Zielsetzung der aktiven Medienarbeiter in Bielefeld im Okotber 1988.

Schauplatz dieser Ideen- und Projektbörse unter dem Motto „Zwischen Buchstabe und Bit“ war die Stadtbibliothek und das Filmhaus. (Super-8-)Filme, Hörspiele, Computerworkshops, Kabarett, Aktionsspiele für Kinder, Videos, Vorträge und Diskussionen füllten zwei gutbesuchte Tage. Im Organisationsteam war das Filmhaus mit Barbara Witych und Ronald Herzog vertreten. Zu dieser Zeit sprach die Szene u.a. über ISDN, Mailbox, Datex-P, BTX und diverse konkurrierende Videostandards. Im Filmhaus diskutierten Dieter Baacke, Robert Bramkamp, Helmut Hartwig, Kurt Johnen, Klaus Kreimeier, Iris Magdowski, Barbara Witych, Sigrid Zinser und Jürgen Heckmanns über die „Medienstadt Bielefeld“: „Welt am Draht – Funkstille vor Ort?“

Finnische Filme im Lichtwerk war ein Beispiel für die Spürnase, die die Lichtwerk-Programmgruppe für interessante neue Filme entwickelt hatte. Beim Filmfestival in Selb waren die Kinomacher auf die Filme der Kaurismäki-Brüder aufmerksam geworden und den Plan gefasst, diese noch nicht im deutschen Verleih erhältlichen Filme nach Bielefeld zu holen.

Die Begeisterung für den lakonischen und trockenen Humor der Finnen und die unbekannten und beeindruckenden Schauspieler setzte ungeahnte kreative Kräfte frei, so dass es gelang, finanzielle Mittel für ein Mini-Festival locker zu machen. In Koproduktion mit dem Kommunalkino Bremen, der deutsch-finnischen Gesellschaft und der finnischen Botschaft gelang der Filmtransfer aus dem hohen Norden. Trotz einer Zusage im Januar gelang es letztlich nicht, Aki und Mika Kaurismäki nach Bielefeld zu holen. Vielleicht war dabei Alkohol im Spiel…

Kaurismäki-Einladung 1988

Kaurismäki-Einladung 1988

Das Lichtwerk präsentierte im Oktober 1988 mit „Der Lügner“ und „Schuld und Sühne“ die Frühwerke von Mika und Aki. Dazu „Schatten im Paradies“ mit Kati Outinen und Matti Pellonpäa, „Hamlet macht Geschäfte“, eine Shakespeare-Adaption mit Slapstick-Elementen von Aki Kaurismäki. Zusätzlich gab es eine Produktion der Kaurismäkis-Firma „Villealfa“ von Pauli Pentti zusehen: „Macbeth“ nach Shakespeare.

Finnische Filme Programm 1988

Finnische Filme Programm 1988

Seit dieser Zeit sind die Filme von Aki und Mika Kaurismäki regelmäßiger Bestandteil des Bielefelder Kinoprogramms; besonders hat uns später die Verleihung des Friedrich-Wilhelm Murnau Preises an Aki Kaurismäki gefreut. Zu diesem Anlass war der finnische Regisseur schließlich doch noch einmal im Lichtwerk.

Intercom – Das Medienkunstfestival war eine kleine Sensation für Bielefeld. Im Jahr 1988 war auch Bielefeld reif für Medienkunst. Gefördert vom Kulturamt Bielefeld erdachte sich das Filmhaus-Team rund um Klaus-Dieter Michel, Manfred Jurasek, Stephan Schmidt, Ronald Herzog unter dem Titel „Intercom“ ein Programm, das sich von der Kasseler „Documenta“ inspirieren ließ.

Digital war zwar noch nicht ganz so viel und von einem Internet durfte man noch träumen. Avantgarde waren Faxübertragungen, Farbkopierer, Anrufbeantworter und der Röhrenbeam. In der ehemaligen Hemdenfabrik „Schäffer & Vogel“ stellte das Filmhaus ein sattes Programm aus Performances, Installationen, Projektionen und Parties zusammen: Intercom – Das Medienkunstfestival. 14 Tage lang waren hier Experimente und Auftritte lokaler und internationaler Künstler zu erleben. Mit dabei Toine Horvers, Paul Mc Laren, Matthias Arndt, Paul Haywood, Sabine Bürger, Matthias Müller, Owen O’Toole, Stephan Schmidt, Klaus-Dieter Michel u.v.a. Im Jahr 1991 gab es eine Fortsetzung der Medienkunsttage an verschiedenen Ort in Bielefeld.

Intercom - Das Medienkunstfestival "Phonecalls"

Phonecalls mit Paul McLaren und Paul Haywood


Intercom - Das Medienkunstfestival Phonecalls mit Paul McLaren und Paul Haywood

Phonecalls mit Paul McLaren und Paul Haywood im Schäffer-Vogel-Haus


Intercom - Das Medienkunstfestival mit Sabine Bürger

„A Prayer for England“ Performance Sabine Bürger


„A Prayer for England“ Performance Sabine Bürger

„A Prayer for England“ Performance Sabine Bürger


Oberstufenkolleg "Schrott-Klang-Performance" Intercom - Das Medienkunstfestival

Oberstufenkolleg „Schrott-Klang-Performance“


Oberstufenkolleg "Schrott-Klang-Performance"

Oberstufenkolleg „Schrott-Klang-Performance“

Die Filmhausparty „30 Grad im Schatten“  am 27.8.1988 versprach viel und konnte nicht alles halten.

Auf dem Programmzettel standen „Die vereinigten Biele-Fischer-Chöre“, „Swinging Dieter Wendt“, „Luis Trenker und der Höllenpfuhl“ (aka Helmut Lemke) und „Sir Udo“ nahm als Filmquizmaster dem Publikum die Reifeprüfung ab. Als „Filmbombom“ wurde Werner Nekes „Johnny Flash“ mit Helge Schneider open air gezeigt. Einige Auftritte fielen dem Lampenfieber zum Opfer. Zumindest das Wetter passte im August 1988 allerdings.

Filmhausparty 30 Grad im Schatten

Plakat Filmhausparty 30 Grad im Schatten