Das Stadtarchiv übernimmt vom Filmhaus neben vielen Veranstaltungsplakaten, Broschüren und Architekturplänen auch Vorstandsprotokolle und Diskussionspapiere. In einem offiziellen Akt am Mittwoch, dem 8. September 2026, übergab das Filmhaus Bielefeld einen Großteil seiner Unterlagen in die Hände des Stadtarchivs. Dr. Jochen Rath und Helmut Henschel vom Stadtarchiv und die Filmhaus-Vertreter präsentierten der Presse einen Überblick über das übergebene Konvolut und gaben Erläuterungen zur Bedeutung einer solchen Übernahme für das Gedächtnis unserer Stadtgesellschaft.
mehr... Die Vorarbeiten zur Überlassung der Filmhaus Unterlagen begannen bereits im November 2025. Ausgelöst durch die Feiern zum 40. Geburtstag des Kinos Lichtwerk erkundigte sich das Stadtarchiv in Person von Helmut Henschel nach den Archiv-Beständen im Filmhaus Bielefeld. Konkret war Henschel an den Planungsunterlagen zur Entstehung des Lichtwerks im Ravensberger Park interessiert. Doch schon bald zeigte sich, dass in den Filmhaus-Katakomben noch weitere Schätze auf ihre Entdeckung warteten. So geriet das Filmhaus mit seiner Vereinsgeschichte als prominenter Vertreter der freien Kulturszene in den Fokus der Stadthistoriker. Als erstes sichtete Helmut Henschel die Architekturpläne des Büro Norbert Engelage, das die Umwandlung der ehemaligen Tischlerei der Ravensberger Spinnerei in ein Kino modernen Zuschnitts entwickelt hatte. Ergänzend gab es natürlich auch Aufzeichnungen zur komplizierten und bewegten Vorbereitung dieses Projekts: Sondierungen in Politik und Verwaltung, Finanzierung und Denkmalschutz waren nur einige der Klippen, die der Verein Filmhaus, der mit diesem Projekt ins Risiko ging, umschiffen musste. Bei diesem Blick hinter die Kulissen wurde rasch deutlich, dass das Projekt „Lichtwerk“ nur eines von vielen filmkulturellen Themen des „Vereins zur Förderung der Filmkultur in Ostwestfalen-Lippe“ darstellte. Bei Durchsicht der Aktenordner im Keller des Filmhauses interessierte sich Henschel besonders für die Protokolle und Diskussionspapiere des Filmhaus-Vorstands, in denen deutlich wird, mit welchem Engagement und Ideenreichtum die Filmszene ihre Pläne schmiedete: im Vordergrund standen hier natürlich filmfachliche und –technische Themen und ihre finanzielle Umsetzbarkeit. Teamgeist, Kreativität gepaart mit Durchsetzungskraft und Selbstbewußtsein („Anything goes!“) waren die Formel in der Aufbruchszeit ab dem Gründungsjahr 1982. Mediale-Flyer mit Illustration von Pedda Borowski Aus Sicht des Stadtarchivs ist das Filmhaus in seiner Entstehung und Entwicklung ein gutes Beispiel für die kulturelle und sozialpolitische Aufbruchstimmung der 70er und 80er Jahre in Bielefeld. Für diese Epoche der Selbstermächtigung seien als Beispiele Bürgerinitiativen, Schwulenbewegung, Frauenbewegung, Stadtblatt, freie Theatergruppen mit dem Festival „Spätfrühling“, Umweltzentrum, Drogenberatung und Engagement gegen städtische Entwicklungen (Ostwestfalendamm, Abriss der Ravensberger Spinnerei) genannt. Die Plakate, Flyer und Kataloge zu den ersten Filmfestivals des Filmhauses spiegeln dieses Umfeld wider: in den gezeigten Filmen ging es beispielsweise um Hausbesetzungen, Überwachungsmaßnahmen, Wohngemeinschaften, schwules Leben, Dokumentation der freien Kulturszene, Experimentelles, Spurensuche regionaler Widerständigkeiten. Neben dieses Drucksachen aus der Gründungszeit sind nun auch die Publikationen zu vielen Filmveranstaltungen, Festivals und Projekten der Folgezeit in den Bestand des Stadtarchivs übergegangen. Besonders hervorzuheben sind dabei die Flyer und Plakate des jährlichen Kurzfilmwettbewerbs „Bilderbeben“ mit über 30 Ausgaben, die Plakate der 25 Kurzfilmworkshops „Digital Cinema“ (seit 2000), die Drucksachen des jährlichen Kinder- und Jugendfilmwettbewerbs „Die drei goldenen Dinos“ (seit 2007) und natürlich die Publikationen im Kontext der Kooperationen des Vereins. In diesem Bereich sind folgende Einrichtungen und Institutionen zu nennen: Kulturamt, Universität, FH Gestaltung, WDR, Kultusministerium, Filmstiftung NRW, Stadtbibliothek, OWL Maschinenbau, Stadttheater, Murnau-Gesellschaft und natürlich Artists Unlimited als Mitbewohner im Opitz-Gebäude. Besonders stark vertreten im Filmhaus-Konvolut sind die Drucksachen des Kinos „Lichtwerk“. Flyer, Broschüren und Plakate zu Filmreihen mit Ausrichtung auf Epochen, Genres, Länder, Kino mit Gästen, Kinderfilm etc. sind zahlreich vertreten. Besondere Highlights sind dabei die Veröffentlichungen „Nirgendwo Zuhause“ zum Besuch von Murnau-Filmpreisträger Wim Wenders, zur Filmreihe „Unheimliche Frauen“ (2002) und „Something is rotten“ (Shakespeare-Verfilmungen 1996). Das Lichtwerk wurde im November 1985 mit einer Party eröffnet Ein besonderes Schmankerl stellen die fantasievollen Plakate zur seit 1987 jährlich zelebrierten Filmhaus-Benefiz-Party dar. Bis zum Jahr 2016 waren diese „Jahreshauptversammlungen“ ein (film-)kulturelles Happening mit großer Strahlkraft und wichtigem finanziellem Ertrag für die geschundene Vereinskasse. Hier, wie auch bei allen anderen Publikationen ist bemerkenswert, mit welcher Prägnanz und wie einfallsreich die Gestalterinnen und Gestalter die unterschiedlichen Themen umsetzten. Namentlich sind für den gesamten Printbereich Matthias Arndt, Katharina Künkel, Klaus Seelig, Pedda Borowski und Kirsten Beckmann besonders hervorzuheben. Filmhaus-Party 1990. Entwurf: Matthias Arndt Dem Vorstand des Filmhauses (Juliane Bartelheimer, Stefan Huben, Jochen Kopp) war bei der Übergabe und dem damit verbundenen Rückblick auf die Vereinsgeschichte deutlich der Stolz auf das Geleistete anzumerken. Gleichzeitig waren die Akteure froh, die Zeugnisse dieser Geschichte nun in professionellen Händen zu wissen. Die Drucksachen befinden sich bereits in der Erfassung und Registrierung und sind in nächster Zukunft auch für die Öffentlichkeit in den Räumen des Stadtarchivs in der Stadtbibliothek einsehbar.
Der Einzug in das Opitzgebäude, ermöglicht durch eine konzertierte Aktion aus Politik, Kulturamt und Liegenschaftsamt im Jahr 1985 schaffte die Grundlage für ein Aufblühen des Vereinslebens an der August-Bebel-Straße. Es war ein qualitativer Sprung auf dem Weg zur Professionalisierung: geregelte Öffnungszeiten, fachspezifische Ansprechpartner, Aufbau einer Filmwerkstatt mit Ausleihmöglichkeit und Bestandsaufnahme der Medienakteure in der Region..
Gleichzeitig bot sich ein kreativer Freiraum für mitunter wilde Ideen. Als Beispiel sei hier nur das Wanderkino „Bielefeld leuchtet!“ mit seinen Open Air Projektionen in der Innenstadt genannt – eine „Guerilla-Aktion“ ohne Anmeldung und Gestattung.




Stadtarchiv Bielefeld

Filmhaus Bielefeld

Filmhaus
Alexander Hidic



